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Meditation ist nicht Absonderung von Gesellschaft, nicht Flucht vor der Gesellschaft, sondern Vorbereitung auf den wirklichen Eintritt in die Gesellschaft.
Thich Nhat Hanh

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1. Einleitung

Meditation gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschheitsgeschichte. Mit Religion weist sie eine enge Verknüpfung auf. Alle großen Weltreligionen haben verschiedene Formen von Meditationstechniken hervorgebracht: Der Islam etwa den Sufismus mit seinen „Tanzenden Mönchen“ deren immer wiederkehrende Drehbewegung sie in einen meditativen Zustand versetzt. Das Christentum mit seinen kontemplativen Gebeten und Exerzitien, der Buddhismus in der Form des Zen und der Hinduismus mit den verschiedenen Arten des Yoga.

Aber auch im alltäglichen Leben sind dem Menschen meditative Momente nicht fremd, wenngleich sie hier auch nicht bewusst herbeigeführt werden. Man denke etwa an die nachsinnende Betrachtung eines Bildes, dem konzentrierten Lauschen eines Musikstückes, bei dem man die Musik nicht nur hört, sondern sie erfährt und eins mit Ihr wird. Ein weiteres Beispiel ist auch das einfache Betrachten von Wolkenformationen am Himmel.

Aus naturwissenschaftlicher Sicht mag Meditation auf dem ersten Blick sehr „esoterisch“ wirken, zumal auch in diesem Feld Angebote und Meinungen bestehen, die eine rein kommerzielle Nutzung zum Ziel haben und somit ein Missbrauch und eine Verfremdung von alten Techniken und Lehren betrieben wird.

Dieser Text versucht eine Brücke zu schlagen zwischen der eher naturwissenschaftlich orientierten Disziplin der Psychologie und der eher mystischen, religiösen und schwer fassbaren Welt der Meditation. Dies soll in erster Linie dadurch geschehen, dass versucht wird Techniken, Wirkungsweisen und Phänomene der Meditation mit psychologischen Begriffen zu belegen. Aber auch durch einen kurzen Überblick einiger psycho- und physiologischer Studien zum Thema Meditation.

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2. Meditationsformen

Ein Psychologie-Lexikon definiert den Begriff Meditation wie folgt: „M. ist abgeleitet von lat. „meditari“,das „üben“ und „nachsinnen“ bedeutet; daher stellt sich M. als Einüben des Nachsinnens dar. Näherhin ist M. der Vorgang der Verinnerlichung, durch den der Mensch sein eigenes tiefstes Selbst zusammen mit dem Grund, in den diese eingelassen ist gewinnt, und zwar als gesamtmenschliche Erfahrung. In dieser wirken also alle kognitiven und affektiven Kräfte zusammen, auch der Leib wird miteinbezogen, dessen Haltung für das Gelingen der M. Von entscheidender Bedeutung ist.“

Im wesentlichen nimmt die Literatur eine Unterscheidung in zwei verschiedene Strömungen von Meditationsarten vor: Zum einen die konzentrative Meditation, bei der der Meditierende versucht seine Wahrnehmung nur auf einen äußeren Gegenstand zu beziehen, zum anderen die ausdrückliche Meditation, die weniger greifbar ist, als die konzentrative, da es hier eher um eine meditative Grundhaltung geht die im täglichen Leben Ausdruck erfährt. Beide Strömungen beinhalten aber durchaus Mischformen von Meditationsarten und lassen sich nicht ohne weiteres auseinander dividieren.

2.1 Konzentrative Meditation (objektiv)

Die allermeisten Meditationsübungen verlangen nach der oben gegebenen Definition eine Isolierung des Übenden vom Alltagsgeschehen. Im allgemeinen versucht man alle äußeren Stimmulierungsquellen weitgehend auszuschließen, so dass der Meditierende nicht von seiner Konzentration auf das Meditationsobjekt abgelenkt wird. Ziel dieser konzentrativen Meditationsübungen ist das Ausgerichtetsein auf einen Gegenstand für eine bestimmte Dauer. Bezieht die Übung das Sehen mit ein, so blickt der Meditierende ununterbrochen auf das Meditationsobjekt, etwa eine Kerze. Bezieht sie das Hören mit ein, wird der Singsang oder das Gebet laut oder leise ständig wiederholt. Besteht die Meditation aus Körperbewegungen, werden diese ständig wiederholt. Auf jeden Fall wird die Aufmerksamkeit vollständig auf die Bewegung, das sichtbare Objekt oder auf den Klang gelenkt.

Die erste Übung beim Zen beinhaltet etwa die Konzentration auf die eigenen Atemzüge, die leise mitgezählt werden. Gelangt man bei 10 an, so beginnt man wieder von vorn. Bei eins fängt man auch wieder zu zählen an, wenn man durch seine eigenen Gedanken abgelenkt wird und den „Faden verliert“, was insbesondere Anfängern dieser Übung sehr häufig passiert.

Eine weitere Übung im Zen Buddismus ist die intensive Konzentration auf ein Rätsel oder Paradoxon, Koan genannt. Ein Koan darf der Übende nicht wörtlich oder logisch aufnehmen und es wie ein Problem behandeln, sondern es als extreme Konzentrationsübung sehen.

Auch die ständigen Kreiselbewegungen tanzender Sufis dienen in diesem Zusammenhang der Konzentration und dem Ausschalten jeglicher anderer Sinneseindrücke.

Die Liste an Beispielen ließe sich noch sehr viel weiter fortsetzen. Nahezu alle Traditionen wie Zen, Yoga, Sufismus, Taoismus, Christentum aber auch Naturreligionen haben verschiedene Techniken hervorgebracht, deren hervorstechende Gemeinsamkeit die Wahrnehmungsbeschränkug auf einen einzigen unveränderlichen Prozess ist.

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2.2 Ausdrückliche Meditation (subjektiv)

Im Gegensatz zur konzentrativen Meditation beziehen sich die Formen der ausdrückliche Meditation nicht auf einen objektiven Gegenstand oder Vorgang, sondern vielmehr auf die subjektive Betrachtung des Selbst im täglichen Leben.

Auch diese Art von „meditativer Lebensführung“ ist Bestandteil verschiedener Traditionen.

Von dieser Übungsart gibt es verschiedene Variationen, die entweder Verhaltenseinschränkungen oder die Kultivierung einer psychologischen Verfassung beinhaltet, die Entsagung und „Nicht-Anhangen“ verbindet. In der jüdisch christlichen Tradition umfassen diese Übungen gewöhnlich Verhaltenseinschränkungen. Während der Fastenzeit beispielsweise kein Fleisch zu sich zu nehmen. Normalerweise ist das Ergebnis dieser Art von Übungen, dass sich die Wahrnehmung auf den Gegenstand des Verbots konzentriert. Damit wird vielfach das genaue Gegenteil von dem erreicht, was erreicht werden soll, nämlich eine psychologische Verfassung der Auflösung und nicht der Steigerung von Verlagen. Die meisten Überlieferungen betonen, dass das bloße äußere Zurückhalten mit gleichzeitigem Verlangen nach einverleiben des Objekts wertlos ist – ja vielleicht sogar schlimmer, als hätte man sich gar nicht eingeschränkt.

Das Entsagen und Nicht-Anhangen von „weltlichen“ Dingen gibt dem Übenden die Freiheit seine Wahrnehmung mehr auf sich selbst zu konzentrieren ohne Verfälschung durch eigene Bedürfnisse und Verlangen.

Während also bei konzentrativen Übungen eine Grenze durch den zeitlichen Rahmen gesetzt wird und nur in diesem Rahmen eine Reduktion der Wahrnehmung stattfindet, so kommt es hier zu einer ausdrücklichen Lebensführung, die eine Begrenzung der Wahrnehmung auf das eigene Selbst ermöglicht.

3. Psycho- und Physiologische Untersuchungen

Erst seit Anfang der siebziger Jahre haben hauptsächlich amerikanische, japanische und indische Psychologen und Mediziner Meditation und ihre Auswirkungen auf den menschlichen Körper und die Psyche als Objekt Ihrer Forschungen ausgemacht. Im Folgenden sollen diese Ergebnisse kurz skizziert und in psychlogische Theorien eingeordnet werden.

Es gibt eine ganze Reihe von Studien über die psychologischen und physiologischen Auswirkungen, die durch Konzentration ausgelöst werden, die auf eine unveränderliche Wahrnehmungsquelle beschränkt. Eine Variation der Meditation, die in diesem Zusammenhang untersucht wurde, verwendet ein Starren auf ein Objekt, etwa eine Kerze oder ein Mandala.

Psychophysiologisch ergibt sich hier eine ähnliche Situation wie in Untersuchungen die unter dem Stichwort „stabilisierte Netzhautbilder“ bekannt geworden sind: Die Information, die das Auge erreicht, ist über einen bestimmten Zeitraum hinweg immer die gleiche. Die Untersuchungen wurden im Zusammenhang mit der Theorie von Donald Hebb durchgeführt. Hebb geht davon aus, dass ein kontinuierlicher Wechsel an Reizen notwendig ist, um das normale Bewusstsein oder die Wahrnehmung aufrecht zu erhalten.

Mittels eines kleinen Projektors, der auf einer von der Versuchsperson getragenen Kontaktlinse angebracht wird, wird das Abbild auf der Netzhaut vollkommen stabilisiert, da die Linse und damit die Projektion der Augenbewegung ständig folgt. Die Versuchspersonen, die auf diese „stabilisierten Bilder“ blickten, berichteten, dass die Bilder nach kurzer Zeit verschwanden.

Lehmann, Beeler und Fender (1964) versuchten den Zustand des Gehirns, mittels eines Elektroenzephalographen (EEG) zu untersuchen, der durch das „stabilisierte Abbild“ hervorgerufen wurde. Sie stellten fest, dass sich der Alpha-Rhythmus (normaler EEG-Rhythmus im Wachzustand bei geschlossenen Augen) immer dann einstellte, wenn die Versuchsperson das Verschwinden der Netzhautbilder meldeten.

Eine andere Untersuchungsmethode ist die sogenannte Ganzfeldmethode. Dabei wird der Versuchsperson ein vollkommen ungegliedertes Gesichtsfeld, z.B. eine weißgetünchte Fläche, dargeboten. Einige Versuchspersonen meldeten bei der Betrachtung nach ca. 20 Minuten das Fehlen jeglicher Seherfahrung. So wussten die Versuchsteilnehmer zu diesem Zeitpunkt nicht, ob sie ihre Augen geschlossen oder geöffnet hatten. Während dieser Phase war auch hier ein Alpha-Rhythmus im EEG festzustellen.

Diese Versuchsergebnisse weisen darauf hin, dass auch Meditation ein hochgradiger Alphazustand ist. Die genauer kontrollierten Situationen schienen sowohl psychologisch als auch physiologisch ähnliche Wirkungen hervorzurufen wie konzentrative Meditation.

Alle Übungen der konzentrativen Meditation können also alle als Hilfsmittel verstanden werden, um die Aufmerksamkeit auf einen einzigen Prozess auszurichten und dadurch die ständig gleiche Eingabe in das Nervensystem vorzunehmen.

Daher kann man zusammenfassend sagen, .“..dass konzentrative Technik ist, die ein Erfahrungswissen über die Struktur unseres Nervensystems verwendet, um einen Zustand des Blank-Out oder der Dunkelheit zu schaffen, einen Zustand der „Leere“, der Wolke des Nichtwissens.“2

In einer Reihe weiterer Studien wurde das bei der Meditation besondere Phänomen einer fehlenden Gewöhnung (Habituation) untersucht. Physiologisch gesehen löst jede Reizkonfrontation bei Mensch und Tier die sogenannte „Orientierungsreaktion“ aus: eine Reaktion des Organismus zum Erfassen einer veränderten Reizreaktion und eines schnellen adäquaten Reagierens. Elektroencepalographisch zeigt sich dies durch das Verschwinden der Alpha-Wellen und das Auftreten von Beta-Wellen. Nach einer Zeit der „Gewöhnung an den neuen Reiz“ der Habituation setzen die Alpha-Wellen wieder ein. Bei Zen- und Yoga-Meditationsübenden, die schon seit Jahren praktizieren fand jedoch bei Untersuchungen mit häufiger Reizdarbietung keinerlei Habituation statt. Die Wiederholung ein- und desselben Reizes wird jedes Mal als „neu“ empfunden.

So untersuchten japanische Wissenschaftler das Habtuationsphänomen auf ein wiederholtes Klickgeräusch bei „normalen“ Menschen und bei Meistern der Zen Meditation. Den Versuchspersonen wurde in einem schalldichten Raum wiederholt ein klicken im Abstand von 15 Sekunden dargeboten. Bei den „normalen“ Menschen setzte die Habituation ungefähr nach dem dritten oder vierten Klicken ein, bis es sozusagen aus dem Bewusstsein ausgeschaltet war. Die Zen-Meister, die während des Versuchs nicht meditierten, zeigten dagegen keinerlei Habituation: Sie reagierten auf das letzte Klicken physiologisch genauso stark wie auf das erste.

Somit erleben Meditierende ihre Sinneseindrücke immer wieder neu. Das Erleben wird durch keinerlei Gewöhnung getrübt. Ein Abstand zu allem Wahrgenommenen wird gewahrt.

4. Meditation und Psychologie - Zusammenfassung

Die vorgelegten Beispiele über Untersuchungen zur Physiologie und Psychlogie der Meditation zeigen, dass diese Techniken Wissen über Sinneswahrnehmungen des menschlichen Körpers nutzen, um andere Bewusstseinszustände zu erlangen. Dieses Wissen mag empirisch erst in letzter Zeit erforscht worden sein, es findet sich aber anscheinend schon seit Jahrtausenden im Kulturgut des Menschen. Freilich sind noch weitere Studien nötig, um das Phänomen der Meditation empirisch weiter zu entschlüsseln. Denkbar wären etwa Studien über die Langzeitwirkungen der Meditation auf den Stoffwechsel, den Schlafzyklus, auf alltägliche Verhaltensmuster und die Konzentrationsfähigkeit. Das kann dazu dienen, diese alten Traditionen mit wissenschaftlichen Techniken und Methoden wirksam anzuwenden. Schon heute werden ja Entspannungstechniken und Selbstsuggestion in Form von Autogenem Training oder Biofeedback in der therapeutischen Praxis verwendet, um psychische Defizite auszugleichen. Dennoch werden sich einige Aspekte von Meditation vielleicht niemals mit wissenschaftlichen Mitteln enträtseln lassen.

5. Literatur

  • Arnold, Wilhelm/ Eysenck, Hans Jürgen/ Meili, Richard: „Lexikon der Psychologie“ Band 2. 6. Auflage Herder Verlag Freiburg 1988.
  • Fontana, David: „Kursbuch Meditation“. 1. Auflage O.W. Barth Verlag Bern 1994.
  • Goldstein, E. Bruce: „Wahrnehmungspsychologie“ 1. Auflage Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg 1997.
  • Naranjo, Claudio/ Orstein, Robert E.: „Psychologie der Meditation“. Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt a.M. 1976.
     
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